|   dr. adele gerdes







Biografiearbeit, Beratung, Unterstützung, Begleitung, Coaching, philosophische Praxis




"Wo kommst du her, wo zieht's dich hin? - Sprich über dein Leben, deinen Weg, dich."


Die Erkundung und (sprachliche) Präsentation der eigenen, ganz persönlichen Geschichte - und zwar, eigentlich, der bisherigen ebenso wie der möglichen künftigen. Biografiearbeit als professionelles Angebot meint:

Dies findet statt mit einem Gegenüber, dialogisch - im Gespräch in der direkten Begegnung, im Telefonat, im schriftlichen Austausch -, gestützt auf und auch geschützt durch theoretisches und methodisches Werkzeug.

Das Gegenüber dient der lebensgeschichtlichen Selbstpräsentation als InterviewerIn* - methodologische Stichworte etwa: sokratischer Dialog, geleitetes Entdecken -, als "kick-off", als Stichwortpool, als Gedächtnisstütze, als Reflektionsfläche und Spiegel, als Erinnerungsbegleitung, als Vademecum, .... als federnder, mitschwingender, ggf. tragender Resonanzboden.

Mögliches Resultat solchen Über-sich-Sprechens ist vertieftes - vielleicht neues, vielleicht erweitertes Selbstverständnis:

Erstens werden komplexe Innenwelten, etwa teils diffuse Gemengelagen aus Gefühlen, Erinnerungen an Erlebnisse, aktualisierte Erinnerungen, Erinnerungsbilder, Eigentheorien und vieles mehr, beim Vergegenwärtigen in eine neue Form transformiert: die sprachliche Artikulation.

Zweitens: Die Versprachlichung ist eine Form aktiver und produktiver Selbstobjektivierung, Selbsterfahrung, mittels derer das Erinnerte zum bewussten Eigenen wird, zur möglichen eigenen Wahrheit wird, angeeignet wird.

Drittens: Diese Erfahrung kann einen klüger machen, was das umfassende, nicht bloß rationale, sondern ganzheitliche, auch ganz praktische Wissen über sich selbst, das Know-how, angeht. (Siehe z.B. Schäfer, Völter: Subjekt-Positionen. Michel Foucault und die Biographieforschung, in: Völter et al., Biographieforschung im Diskurs, Wiesbaden 2005, 169.)

Eine solche Selbstpräsentation kann punktuell, unter vergleichsweise eng gefasster konkreter Fragestellung, interessant sein - etwa in einem Moment, in dem Entscheidungen über weitere Schritte anliegen: Wo stehe ich aktuell? Wo möchte ich hin? Was genau sind gerade meine Wünsche, Sehnsüchte, Potentiale? Was ist jetzt gut für mich? Wie könnten kluge nächste Schritte ausschauen? In diesen Hinsichten bedeutet die lebensgeschichtliche, dialogische Selbstpräsentation oft: Zugewinn an Selbstkenntnis, vertieftes Verständnis, also im wörtlichen Sinn Selbst-Verständnis, Klärung und Bewusstmachung, mit Blick auf die eigenen Sehnsüchte und Wünsche, Prioritäten und Werte. - Verstanden wird Biografiearbeit insofern gelegentlich auch als Lebensberatung, als Coaching oder philosophische Praxis.

Oder, wenn die Erkundung und Selbstpräsentation weiter ausgreift, kann sie beispielsweise hinauslaufen auf ein ganz konkretes Projekt mit handfestem Ergebnis: das Erarbeiten, Verfassen, Schreiben einer Autobiografie beziehungsweise Biografie. "Das Selbst als Geschichte..." könnte etwa als Leitdevise über einem solchen Projekt des Betrachtens, Ordnens, Aktualisierens... von Erfahrungen, von Erlebtem, stehen: "Jemandem zu erzählen, wer man ist, kann in einer Auflistung von Rollen bestehen: Ich bin eine Tochter, eine Studentin, eine Verlobte. Ein anderer Ansatz wäre eine Liste von Charakterzügen: Ich bin gesellig, doch ich kann auch mißmutig und reserviert sein. Eine dritte Möglichkeit ... ist die Lebensgeschichte. Dieser Ansatz ist faszinierend, denn wenn das Selbst eine Geschichte ist, hat sie bestimmte Charakteristika. Sie hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Sie hat Dauer und Dauerhaftigkeit, doch sie ist auch offen für eine Überarbeitung." (John Kotre, Lebenslauf und Lebenskunst. Über den Umgang mit der eigenen Biografie. München, Wien 2001, 126)

Kurz gesagt: Ob punktuell oder längerfristig - Beschäftigung mit den eigenen Lebenswegen ist nicht bloß Reproduktion, sondern auch Transformation und Produktion.

Unter welchen inhaltlichen Gesichtspunkten die bisherigen und womöglich auch künftigen Wege in den Blick nehmen?

Orientierung bieten etwa die Psychologie, die Anthropologie, die Philosophie. Eine Option - unter vielen - ist beispielsweise das Modell des Gestaltpsychologen Hilarion Petzold mit der Unterscheidung von fünf Dimensionen: 1) Materielle Existenzbasis: Nahrung, Kleidung, Unterkunft. 2) Leiblichkeit - z.B. Erleben leiblicher Integrität, Gesundheit... 3) Soziale Bindungen, Beziehungen - "sich als Mensch unter Menschen erfahren...". 4) Arbeit, Leistung, Schaffensfreude. 5) Ausrichtungen, Werte, Ziele, Wünsche, Sehnsüchte, Träume, Motive ... - "Wo zieht's dich hin? Warum?".

Das Petzold'sche Modell ist, wie gesagt, nur eine von vielen Optionen. Die Liste möglicher Themen für die Lebenslaufbetrachtung ist im Grunde "potentiell so umfangreich wie das ... Leben selbst" (Sackmann, Lebenslaufanalyse und Biografieforschung, Wiesbaden 2007, 85). Ausdifferenzieren lässt sich die Biografiearbeit etwa unter Gesichtspunkten wie: Bindungen und Beziehungen, "Kindheitsmuster", Herkunftsfamilie und Wahlverwandtschaften, Schulisches, Berufliches, Gesellschaftliches, "doing-gender"... Leitfragen können sich ergeben aus Konzepten und Begrifflichkeiten wie etwa: Identität, Sinn, Selbst, Kontinuität und Wandel, Entwicklungsverläufe und Wendepunkte - oder beispielsweise dem vom Psychoanalytiker Erik H. Erikson geprägten Konzept der Generativität. Eine klassische ordnende Perspektive ist etwa die Gliederung des Lebenslaufs nach zeitlichen Unterabschnitten: Kindheit, Pubertät, Jugend, mittleres Alter, Alter... Eine weitere Option ist die Unterscheidung verschiedener, teils etwa paralleler Biografiestränge: Bindungsbiografie, Lern- bzw. Schul- bzw. Bildungsbiografie, Arbeits- bzw. Berufs- bzw. Erwerbsbiografie, Beziehungsbiografie, Wohnbiografie bzw. Immobilienbiografie, Migrationsbiografie, Gesundheitsbiografie...

Eine grundsätzliche Perspektive, die interessant sein kann in Sachen "Selbstaufklärung", ist die systemische: Welche Zusammenhänge lassen sich herstellen? Auf welchen Ebenen? Welche Systemerfahrungen wurden gemacht? Mit welchen Systemen? Etwa mit sozialen Systemen wie Familie, Freunde, Schule, Arbeitskollegen, anderen Gruppen? Oder mit dem System des "Selbst" - seinen leiblichen, emotionalen und kognitiven Dimensionen? ... Oder mit ganz anderen "Systemsorten": kulturellen Systemen, Wertesystemen? - Hier gibt es, aus theoretischer Sicht, eine außerordentliche Vielzahl an hilfreichen begrifflichen und auch an ganz praktischen (etwa den Methoden kreativen systemischen Arbeitens) Instrumentarien.



* Methodologische Fachbegriffe sind u.a.: "autobiografisches Erzählinterview", "narratives Interview".





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