Die Selbstorganisation dynamischer Systeme. Whiteheads Beitrag zur Philosophie des Geistes


»Das höchste Kriterium bleibt immer
weitgefächerte, wiederkehrende Erfahrung ...«

 
»Nichts darf ausgelassen werden, alles muß zu seinem Recht kommen: das trunkene und das nüchterne Erleben, das Erleben im Schlaf und im Wachen, im Dämmerzustand und bei hellem Bewußtsein, im Zustand der Selbstbefangenheit und im Zustand der Selbstvergessenheit, intellektuelles und physisches, religiöses und skeptisches, ängstliches und sorgloses, vorausschauendes und zurückblicken­des, glückliches und trauerndes, von Emotionen fortgerissenes und mit vollkommener Selbstbeherrschung ertragenes Erleben, das Erleben im Hellen ebenso wie im Dunklen, das normale ebenso wie das abnorme.«

 
»In Wirklichkeit ist der lebende Körper als Ganzes das lebendige Organ unserer Erfahrung.«

 
Whitehead, Prozeß und Realität (56), Abenteuer der Ideen (401, 400)

 



EINLEITUNG


Wenn im Jahr 1999 eine Einschätzung zum Ergebnis kommt, »daß das systemtheoretische Paradigma eine außerordentliche historische Überlebensfähigkeit, Flexibilität und modelltheoretische Ausformulierung bewiesen hat, ohne Erschöpfungszustände zu zeigen«,1 ist das aus heutiger Sicht  Understatement. Systemtheoretisches Denken hat Konjunktur. Und besonders prominent ist die Verknüpfung von Selbstorganisations und systemtheoretischen Sichtweisen: »Die Theorie der Selbstorganisation gewinnt an theoretischer Tiefenschärfe, wenn man sie mit der Systemtheorie in Verbindung bringt.«2 Resultat dieser Verbindung sind Theorien dynamischer Systeme; durch sie erfuhr das systemtheoretische Paradigma in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren grundlegende Erneuerung und Verbreitung – und das ganz besonders dort, wo sich die Suchscheinwerfer auf den Menschen richten: wenn es darum geht, unsere Erfahrung, unser Denken und Fühlen, unser Selbst-Sein und In-der-Welt-Sein wissenschaftlich in den Blick zu bekommen.3
  Konkret schlägt sich diese Entwicklung beispielsweise nieder in einer generellen, transdisziplinären, vielgestaltigen Forschungsausrichtung unter dem Obertitel ›Embodiment‹. Allgemein gesagt, geht es dabei um: »the deep contuinity of life and mind«.4 Als eine Grundannahme lässt sich formulieren: Unsere Erfahrung, unser Denken und Fühlen, ist nur begreifbar als ein Element des Natürlichen, als ein natürliches Phänomen, unablösbar gebunden an Leben, an Körperlichkeit beziehungsweise Leiblichkeit. Wenn der Begriff ›Embodiment‹ ins Deutsche übersetzt wird, dann mit ›Verkörperung‹ oder auch mit ›Verleiblichung‹.
»Körper (body) ist hier ein weitgefaßter Terminus, der nicht nur die rein ›materiellen‹ Grundlagen des Geistes (v.a. das Gehirn), sondern auch anthropologische Dimensionen (historische, soziale, kulturelle, emotionale, linguistische etc.) umfaßt. Conditio corporea ist hier conditio humana. Die Unterscheidung zwischen Körper vs. Leib im Deutschen erlaubt es, den zweiten Ausdruck zur Bezeichnung dieser ganzheitlichen Auffassung des menschlichen Wesens zu reservieren.«5
In Forschung und Theoriebildung sind selbstorganisational-systemtheoretische Sichtweisen deshalb so stark im Kommen, weil sie ganz entscheidend helfen beim Beschreiben, Analysieren und Deuten, beim Begreifen dieser Bindung von Erfahrung an Leben.
»Where there is life there is mind, and mind in its most articulated forms belongs to life. Life and mind share a core set of formal or organizational properties, and the formal or organizational properties distinctive of mind are an enriched version of the self-organizing features of life. [...]
From this perspective, mental life is also bodily life and is situated in the world.«6
Zu dieser generellen wissenschaftlichen Ausrichtung tragen Fortschritte in ganz unterschiedlichen Bereichen bei; der sogenannte ›embodiment turn‹ ist Bestandteil einer Art globaler Entwicklung, deren einzelne Facetten auf bestimmten Forschungsfeldern auch subsumiert werden unter die Überschrift ›konstruktivistische Wende‹, auf anderen unter die Überschrift ›phänomenologische Wende‹ oder ›semiotische Wende‹ oder ›dynamical turn‹. Wichtige Akteure sind unter anderem die Entwicklungspsychologie und die Wahrnehmungspsychologie, die kognitive Linguistik und Semiotik, die Neurobiologie und die Informatik.
  Anschaulich wird dieser globale Wandel, der Sache nach, beispielsweise auf der Ebene der forschungsleitenden Analogien, Metaphern, Bilder. Eine wesentliche Neuorientierung auf dieser Ebene ist etwa plakativ formulierbar als: ›Das Gehirn ist kein Computer.‹ Das wurde über Jahrzehnte anders gesehen:
»Das inzwischen klassische Beispiel für ein informationsverarbeitendes System ist der Computer. Der Computer mit seinen enormen Fähigkeiten der Speicherung und Verarbeitung von Informationen erschien vielen sogar auch für die menschliche Informationsverarbeitung paradigmatisch, so daß er nicht nur als Arbeitsinstrument, sondern vor allem als konzeptuelle Grundlage der Kognitiven Wissenschaft galt. Eine derartige Sichtweise wird als Computermetapher bezeichnet. Immer deutlicher wird heute jedoch gesehen, daß der Computer kein forschungsleitendes Modell der menschlichen Informationsverarbeitung sein kann [...].«7
Ein bezeichnender Aspekt des wissenschaftlichen Wandels hin zum Selbstorganisations- und ›Embodiment‹-Paradigma ist die Wende von technikaffinen forschungsleitenden Bildern, Analogien und Metaphern zu solchen, die das Natürliche an der Sache in den Blick zu nehmen suchen. Geht es beispielsweise um den Gegenstandsbereich Gedächtnis, scheint es in einigen grundsätzlichen Hinsichten adäquater, nicht etwa Informationstechnologisches wie den Computer, den Datenspeicher oder die Festplatte zwecks Veranschaulichung heranzuziehen, sondern die »biologischen Metaphern«.
»[...] dass das Gedächtnis in unserem Kopf Produkt eines außergewöhnlich komplexen natürlichen Vorgangs ist. Dieser ist in jedem Augenblick auf das individuelle Lebensumfeld und das einzigartige Erfahrungsmuster des einzelnen Menschen perfekt abgestimmt. Die alten biologischen Metaphern für das Gedächtnis mit ihrer Betonung auf ein kontinuierliches, unbestimmtes, organisches Wachstum sind, so zeigt es sich, bemerkenswert zutreffend. [...]
Diejenigen, die das ›Outsourcing‹ von Gedächtnisleistungen ins Internet bejubeln, haben sich von einer Metapher in die Irre führen lassen. Sie übersehen die grundlegend organische Natur des biologischen Gedächtnisses. Was dem echten Gedächtnis seinen Reichtum und seinen Charakter verleiht, ganz zu schweigen von seinen Geheimnissen und seiner Empfindlichkeit, ist seine Kontingenz. Es existiert in einem zeitlichen Kontext und verändert sich mit dem Körper.«8
Wie steht es um den Beitrag der Philosophie – um das philosophische Nachdenken über die Bindung von Erfahrung an Leben? Darum geht es dieser Studie; dem gilt ihr Erkenntnisinteresse. Als konkreten Zugang – als Einfallstor für die philosophische Reflexion – wählt sie die Konzeption A.N. Whiteheads. Diese gilt als eines »der am konsequentesten durchgearbeiteten Systeme«,9 was die philosophische Beschäftigung mit dem Thema ›mind and life‹ angeht, und sie ist ein Theorieangebot, das jede Spielweise der Erfahrung durchdenkt im Hinblick darauf, und das unter Gesichtspunkten, die fassbar sind mit Leitbegriffen wie ›Selbstorganisation‹, ›dynamische Systeme‹, ›Embodiment‹.
  Zurzeit ist dieser Zugang noch relativ ungenutzt. Auch wenn Whiteheads Aktien momentan durchgängig stark steigen; überwiegend spielt sich die Rezeption seines philosophischen Theorieangebots noch ab in einer vergleichsweise geschlossenen Teilöffentlichkeit. Es gilt, grosso modo, als ›eindrucksvoll, aber hermetisch‹.10
  Hier setzt diese Studie an: Als ihre Aufgabe begreift sie, dieses Theorieangebot zugänglich zu machen – als Möglichkeit der philosophischen Reflexion dessen, was wir heute über unsere Erfahrung, unser Denken und Fühlen, unser Selbst-Sein und In-der-Welt-Sein wissen.11
  Anzusprechen ist dazu der Punkt Aktualität und, möglichenfalls damit zusammenhängend, der Punkt Rezeptionsauffälligkeiten. Whiteheads Theorieangebot traf direkt mit seinem Erscheinen auf ein eigentümliches Rezeptionsvakuum, das der Philosoph Reiner Wiehl einmal mit dem Begriff ›Mumifizierung‹ bezeichnet hat.12 Einiges ist zu diesen Rezeptionsauffälligkeiten mittlerweile gesagt;13 und diese Studie wird immer wieder auch Rezeptionsaspekte ansprechen. Und sie wird möglicherweise etwas sichtbar machen, was so rezeptionstheoretisch noch kaum thematisiert ist, denn es zeichnet sich besonders dann deutlich ab, wenn man das philosophische Theorieangebot – wie es diese Studie für bestimmte Fragestellungen durchspielt – systematisch im interdisziplinären Kontext reflektiert. Im Grundsatz geht es hier um die These von der Vorzeitigkeit Whiteheads: Aus dieser Sicht läuft dieses philosophische Unternehmen in entscheidenden – rezeptionsrelevanten – Aspekten quer zum geistes- und erfahrungswissenschaftlichen Mainstream der 1930er bis 1980er Jahre – womit, so die Überlegung, möglicherweise seine ›Mumifizierung‹ zusammenhängt. Es konvergiert demgegenüber mit weitreichenden und tiefgreifenden jüngeren und aktuellen Wissenschaftsentwicklungen: mit einem breitgefächerten, transdisziplinären, in gewisser Hinsicht globalen Wandel, der eben beispielsweise mit Schlagworten wie ›Selbstorganisation‹ und ›Embodiment‹ überschreibbar ist und dessen einzelne Facetten wir heute unter anderem kennen als konstruktivistische, als phänomenologische oder als semiotische Wende – ein Wandel, der unter anderem mit einer Vielzahl an ›Wiederentdeckungen‹ bezeichnender Selbstorganisationsansätze, wie beispielsweise der Gestaltpsychologie, einhergeht. Whiteheads Theorieangebot lässt sich vom heutigen Kenntnisstand aus deuten als eines, das diesen globalen Wandel für die Philosophie vollzieht.14
  Einen aus heutiger Sicht exemplarischen Befund hinsichtlich des Zusammenhangs von Erfahrung und Leben hat die Gestaltpsychologie einmal treffend so formuliert: »Every act, every experience leaves a trace«15 – jeder Moment, jede Erfahrung, schon die bloße Imagination hinterlässt, grundsätzlich betrachtet, Spuren, kann beispielsweise in wiederum erfahrungsrelevante Veränderungen resultieren. Es sind Befunde wie dieser, die  Whiteheads Theorieangebot konsequent systematisch durchdenkt.
  In methodologischer Hinsicht bezeichnend ist für diese Studie der Begriff der Rekonstruktion – der ganz allgemein eine »gegenüber den Begriffen der Interpretation und des Verstehens ausgezeichnete Methode des Begreifens« meint:16 das gedankliche Nachbilden eines komplexen Zusammenhangs unter systematischem Gesichtspunkt. Dieses gedankliche Nachbilden zielt erstens auf interdisziplinär-wissenschaftliche Entwicklungen und Kenntnisstände; insofern ist diese Studie Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie.17 Zweitens wird die Philosophie in den Blick genommen, Whiteheads Theorieangebot rekonstruiert, genau gesagt: teilrekonstruiert.
  Nahezu jeder Versuch der Darstellung betont es: »Der Reichtum an Problemen, die Whitehead behandelt, ist ungeheuer«;18 es ist ein Reichtum beispielsweise auf den Gebieten der Wissenschaftsgeschichte, Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Erkenntnistheorie, Wahrnehmungstheorie, Anthropologie. Der Ehrgeiz der hier vorlegten Studie beschränkt sich insofern auf das Beleuchten spezifischer, in gewissen Hinsichten exemplarischer Aspekte; die Betonung liegt auf exemplarisch. Um das Anliegen, was die Rekonstruktion des Whitehead’schen Gedankengebäudes angeht, in ein Bild zu fassen: Es ist ein Großgebäude von außerordentlichen Aus- und Innenmaßen, und diese Studie beschränkt sich darauf, eine für einen ersten Zugang und bestimmte Fragestellungen brauchbare Orientierungsskizze zu liefern: Betrachterstandpunkt, Grundriss, Infrastruktur, Hauptareale und Zugangsoptionen, ›points of attraction‹, und immer wieder, aus verschiedenen Aufsichten: ›points of orientation‹.


Übersicht
Aufgebaut ist die Studie als argumentativer Dreischritt: Teil I gilt der Klärung der Fragestellungen, etwa aus wissenschaftshistorischer und wissenschaftsphilosophischer Sicht, Teil II der Rekonstruktion der Philosophie, Teil III, ergänzend, möglicherweise weiter plausibilisierenden Praxisbezügen.
 
Teil I
Am Anfang steht die forschungslandschaftliche Orientierung: Was genau meint die Rede von einer ›Theorie der Erfahrung‹, von ›Theorien des Geistes‹, vom ›Erklären des Mentalen‹? Was meint der Theoriebegriff, was der Begriff des ›Geistigen‹ oder ›Mentalen‹? Und wie verhält es sich mit dem notorisch vieldeutigen Begriff ›Bewusstsein‹? Das sind die Eingangsfragen (Kapitel 1). Im Ergebnis kommt diese Sichtung zum Befund – der als Richtschnur für den weiteren Gang der Untersuchung dient –, wonach inhaltliche Schwerpunkte einer Theorie des Geistes oder auch, anders formuliert, einer Theorie der Erfahrung sind: 1) der Bereich des Kognitiven, der epistemische, Wissens- oder auch ›Welt‹-Gehalt des Mentalen, 2) der Bereich des Erlebens, die Subjektivität – der ›Selbst‹-Gehalt des Mentalen. Das sind zwei wesentliche Gemarkungen. Vereinfacht, zugespitzt, als Fragen formuliert:
— ›Wie kommt die Welt in den Kopf?‹
— ›Wie kommt das Selbst, die Subjektivität, in die Welt?‹
Wie steht es unter diesen Vorzeichen um disziplinäre Aufstellungen und speziell um den Beitrag der Philosophie? (Kapitel 2) Dazu stehen weitere begriffliche Orientierungen und Klärungen an – insbesondere zunächst einmal hinsichtlich des Naturalismusbegriffs. Grundsätzlich meint ›Naturalismus‹ auf philosophischem Terrain, den »Geist als natürliches Phänomen«19 zu begreifen. Nimmt man es genauer, ist begriffspolitisch relevant die Unterscheidung zwischen Positionen, die die Erklärung des Mentalen als exklusiv naturwissenschaftliches Unternehmen begreifen – weshalb sich dann der Blick nicht selten prompt auf die Neurowissenschaften richtet –, und Positionen des Naturalismus im weiten, trans- und interdisziplinären Sinn. Auch dieser Naturalismus betrachtet das Geistige als natürliches Phänomen, was aber nicht notwendig nach sich zieht, dass ausschließlich die Naturwissenschaften gefragt seien – im Gegenteil: Was Entwicklungspsychologie oder Wahrnehmungspsychologie, kognitive Linguistik oder kognitive Semiotik herausfinden, gilt aus dieser Sicht als wesentlich, und das Geistige als natürliches Phänomen zu begreifen, als ein Projekt, bei dem alle, Natur- und Geisteswissenschaften, in einem Boot sitzen – und bei dem, was den Beitrag der Philosophie angeht, im Großen und Ganzen die gesamte Breite philosophischer Unternehmungen gefragt ist: Analyse, Kritik, Konstruktion.
  An diesem Punkt wird die methodologische Frage interessant: Lässt sich zurzeit auf ganz genereller Ebene, wenn es um Theorien und Modelle des Geistes geht, pragmatischer Methodenpluralismus oder auch liberalismus feststellen – »Die Wahl einer bevorzugten Betrachtungsweise kann nur strategisch erfolgen«20 –, gibt es bei den konkreten Ausformungen zur Theoriekonstruktion erkennbar Präferenzen. Zunehmend prominent ist, was als Klassiker konstruktiv-integrativer Instrumentarien gilt: systemtheoretische Zugänge. Ihre wesentlichen Charakteristika im Hinblick auf das Leitmotiv Selbstorganisation werden hier kursorisch zusammengestellt; damit ist die forschungslandschaftliche Orientierung in dieser Form vorerst am Ziel.
  Der Stand der Dinge wird nun aus aus wissenschaftshistorischer Perspektive beleuchtet, indem eine Etappe der Wissenschaftsgeschichte als Begriffsgeschichte nachgezeichnet wird. (Kapitel 3) Herangezogen wird ein begrifflicher Musterfall: der kognitionswissenschaftliche Repräsentationsbegriff. Es geht also nicht um den neuzeitlichen Repräsentationsbegriff schlechthin, sondern um eine bestimmte Spielweise, an der sich entscheidende Wissenschaftsdynamiken – hin zum ›Selbstorganisations‹ oder ›Embodimentparadigma‹ – exemplarisch nachzeichnen lassen.

Teil II
gilt Whiteheads Theorieangebot. Einführend geht es um die generelle Verortung seiner Philosophie, unter Aspekten wie: Philosophiebegriff, Themen- und Zielhorizont, methodische Ausrichtung. (Kapitel 4) Angesprochen wird insbesondere, inwieweit diese Philosophie sucht, eine allgemeine Fassung einer Selbstorganisationstheorie, eine universelle Theorie der Erfahrung zu entwickeln, und diese auf den anthropologischen Prüfstand zu schicken, wo sie sich als Theorie menschlicher Erfahrung zu bewähren hat. Angesprochen wird weiter, inwiefern dieses philosophische Programm Analyse, Kritik und Konstruktion umfasst – von einem ›pragmatischen Standpunkt‹; und wenn es um die konkrete Ausbildung zur Theoriekonstruktion geht, ist die systemtheoretische Zugangsweise Thema.
  Um dann die Theoriekonstruktion selbst systematisch zugänglich zu machen, werden auf einer allgemeinen Ebene zunächst drei Säulen unterschieden: die ontologische, die wahrnehmungstheoretische und die epistemologische Säule. Daran orientiert sich die Rekonstruktion: Es geht zunächst um die Wirklichkeitstheorie, dann um die Wahrnehmungstheorie, dann um die Epistemologie – die Frage nach dem ›Welt‹-Gehalt des Mentalen. Und schließlich mündet die Rekonstruktion in Überlegungen dazu, wie es sich aus Sicht dieser Philosophie mit dem Problem der Subjektivität, des ›Selbst‹-Gehalts des Mentalen verhält.
  Der Einstieg in die Rekonstruktion der Ontologie erfolgt begriffsgeschichtlich: mittels eines Rückblick auf den weichenstellenden Begriff schlechthin, den Substanzbegriff. (Kapitel 5) Denn an diesem Punkt setzt das Projekt Whiteheads als kritisches an, und das Interessante an dieser Kritik ist, wie sie auch heute noch virulente begriffliche Probleme ausleuchtet, wenn sie aus unterschiedlichen Perspektiven sehr deutlich macht, inwieweit im Substanzbegriff gravierende Schwierigkeiten einer naturalistischen Theorie der Erfahrung gründen können – und zwar auch dann, wenn ›Substantialismus‹ und ›Essentialismus‹ explizit als längst überwunden gelten.
  Die Rekonstruktion der Ontologie (Kapitel 6) beginnt, der Orientierung halber, mit einem Blick auf deren Grundgerüst und speziell die wesentliche Unterscheidung, die man als eine von von Mikro- und Makroebene oder von Elementarebene und Ebene zweiter Ordnung auffassen kann. Es wird dann im ersten großen Rekonstruktionsschritt das Gegenstandsmodell für die Elementarebene rekonstruiert: das Elementarereignis oder der Elementarprozess. Nachbilden, veranschaulichen und plausibilisieren lässt sich dieses Gegenstandsmodell unter einer Vielzahl wirklichkeitstheorischer Gesichtspunkte, über klassische systemtheoretische und einflussreiche informationstheoretische Begrifflichkeiten – was schließlich deutlich macht, inwiefern es hier um etwas geht, das als prototypischer selbstorganisationaler ›Grundbaustein der Wirklichkeit‹ begreifbar ist.
  Gegenstandsmodell auf Makroebene – Gegenstandsmodell für die ›Welt, wie wir sie kennen‹ –, ist das Modell des Nexus, des Netzwerks, Wenn dieses Gegenstandsmodell nun im zweiten großen Rekonstruktionsschritt gedanklich nachgebildet wird, geschieht das erstens mit besonderem Augenmerk darauf, ob und inwiefern der Netzbegriff als generelles Rahmenkonzept für Wirklichkeitsbeschreibung, analyse und deutung begreifbar ist. Was unterscheidet beispielsweise Netzbegriff und Systembegriff, ist eine der Fragen, die hier angesprochen werden. Zweitens wird, etwa unter einem Stichwort wie dynamische Stabilität, untersucht, was genau die allgemeine philosophische Wirklichkeitskonzeption zu einer Theorie dynamischer Systeme macht.
  Whiteheads philosophisches Projekt ist nicht nur Ontologie, sondern in entscheidendem Ausmaß außerdem auch Wahrnehmungstheorie. (Kapitel 7) Insbesondere gravierende Probleme der Naturalisierung des Mentalen sind wahrnehmungstheoretischen Vereinfachungen und Verkürzungen verdankt, macht Whiteheads Kritik aus immer wieder neuen Blickwinkeln und im Gespräch mit Philosophen wie Hume und Kant deutlich: um das Geistige als natürlich, die menschliche Erfahrung als Element der Natur zu begreifen, braucht es einen anderen Wahrnehmungsbegriff als den des philosophisch-erkenntnistheoretischen Mainstreams. Was diese Kritik einfordert, ist heute zumindest auf wahrnehmungsphysiologischem Terrain Stand der Dinge: ein signifikant erweiterter und differenzierter Wahrnehmungsbegriff.
  Whiteheads konstruktiver Beitrag ist die allgemeine philosophische Fassung eines solchen erweiterten und differenzierten Wahrnehmungsbegriffs. Angelegt ist diese Konzeption so, dass drei Wahrnehmungsmodi unterschieden werden; rekonstruiert wird auf dieser Etappe jeder der Modi, und zwar mit besonderem Augenmerk auf den Bezügen zur Wahrnehmungspsychologie und physiologie. Im Grundsatz vollzieht diese philosophische Wahrnehmungskonzeption systematisch eine aus heutiger Sicht angebrachte Wende, zu der als wesentlich das leibphänomenologische, das ökologische und das konstruktivistische Grundmoment zählen. Das so greifbar und plausibel zu machen, dass der Wahrnehmungsbegriff in seiner ganzen Tragweite für eine – ebenso humanistische wie naturalistische – Theorie der Erfahrung sichtbar wird, betrachtet diese Rekonstruktionsetappe als Aufgabe.
  Als Schlüsselbegriff einer naturalistischen Epistemologie (Kapitel 7) entwickelt Whitehead, aus dem Wahrnehmungsbegriff heraus, den Symbolbegriff. Grundsätzlich hat man es beim Symbolbegriff zu tun mit einem der vieldeutigsten und theoriegenerativsten geisteswissenschaftlichen Begriffe überhaupt – Cassirers Befund von 1927 gilt heute noch um einiges mehr:
»In der Tat gibt es wohl keinen anderen Begriff […], der sich so reich, so fruchtbar und so vielgestaltig wie dieser erwiesen hat – aber auch kaum einen zweiten, der sich so schwer in die Grenzen einer ersten definitorischen Bestimmung einschließen und sich in seinem Gebrauch und seiner Bedeutung eindeutig festlegen läßt.«21
Vor allem auch mit Blick auf aktuelle kognitions und kulturwissenschaftliche Debatten wird deshalb Whiteheads allgemeine philosophische Symbolkonzeption in ihrem Verhältnis zu erkenntnis- und zeichentheoretischen Traditionslinien und aus diesen hervorgegangenen Symbolbegriffen verortet. Auf dieser Basis wird dann entlang exemplarischer Aspekte der Frage nachgegangen, wodurch und wie diese generelle philosophische Konzeption systematisch – und systematisch anschließbar – vollzieht, was beispielsweise wissenschaftstheoretisch als kognitiv-semiotische Wende und als ›embodiment turn‹ fassbar ist.
  Wie steht es mit der Frage nach dem ›Selbst‹-Gehalt des Mentalen – nach der Subjektivität? (Kapitel 8) Whitehead selbst behandelt diese Frage mit einer gewissen Lässigkeit: Er formuliert weder ein explizites ›Problembild der Subjektivität‹ noch eine explizite Subjektivitätstheorie. Aus seiner Sicht stellt sich ein philosophisches ›Rätsel der Subjektivität‹ in erster Linie infolge Verknüpfungen wirklichkeits und wahrnehmungstheoretischer Weichenstellungen: Problematisch sind zunächst einmal Denk- und Argumentationsfiguren im Gefolge des Substanzbegriffs, und die Probleme verschärfen sich dann, wenn verkürzte Wahrnehmungskonzeptionen hinzukommen; das resultiert – so Whiteheads kritische Diagnose – einerseits in rationalistisch-idealistische, andererseits in empiristisch-behavioristische Verengungen: pointiert gesagt, in Konzeptionen ›leibloser Subjekte oder subjektloser Körper‹. Wobei eine verkürzte Wahrnehmungstheorie auch dann eine Hürde sein kann kann, wenn man sich aus den ›substanztheoretischen Fesseln‹ befreit hat; das Kant’sche Programm beispielsweise ist ein solcher Fall, konzediert – nicht nur – Whitehead.
  Entsprechend dieser Diagnose gestalten sich die Suchräume für Lösungen. Konkret liegen Optionen, wird auf dieser Etappe skizziert, in einer Naturalisierungsstrategie, die vorrangig selbstorganisationale Ontologie und – insbesondere leibphänomenologisch erweiterte – Wahrnehmungstheorie verschränkt: Whiteheads diesbezügliche Überlegungen laufen im Grundsatz hinaus eine Konzeption, die prominent beispielsweise unter dem Titel Autopoiesis anzutreffen ist. Nachgezeichnet werden diese Überlegungen hier insbesondere auch mit Blick auf Whiteheads ›virtuellen Widerpart‹ Kant.

Teil III
diskutiert schließlich exemplarische wissenschaftliche Bestände unter der Headline ›Embodiment‹ und daran Anschließbarkeiten von Wissenschaft und Philosophie; vordringliches Interesse ist, die auf allgemeine Grundzüge angelegte Philosophie konkret greifbar zu machen. Der Sache nach befasst sich diese Kontextualisierung mit beiden Schwerpunkten: 1) mit der Frage nach dem Epistemischen, dem Wissen, dem ›Welt‹-Gehalt des Mentalen, Stichwort: ›embodied cognition‹; 2) mit der Frage nach dem Subjektiven, dem Erleben, dem ›Selbst‹-Gehalt des Mentalen, Stichwort: ›embodied self‹. Dabei geht der Blick sowohl auf die ›paradigmatischen‹ Ebenen als auch auf Details: einzelne Theorien, Begrifflichkeiten, Hypothesen, Hypothesenkonvergenzen.


Zusammengefasst
Was kann man sich von dieser Studie versprechen? Sie zeigt eine Spannbreite von Forschungs- und Theorieperspektiven, die wesentlich dazu beitragen, die Kontinuität von ›mind and life‹, von menschlichem Erleben und Naturvorgängen – anders gesagt: die Bindung von Erfahrung an Leben – zu begreifen. Über diese Zugänge informiert diese Studie: a) wissenschaftshistorisch und begriffsgeschichtlich – wobei manches nur skizziert wird und manche Skizze flüchtig ausfällt, mancher Bezug nur kursorisch hergestellt wird –, und b) mit besonderem Interesse für die Möglichkeiten der Philosophie.
 

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1 Krohn et al. 1999, 1586.
2 Küppers 1999, 1450.
3 Den Begriff ›Paradigma‹ verwendet diese Studie im zweifachen Kuhn’schen Sinn: a) im engeren Sinn für allgemein anerkannte wissenschaftliche Bestände mit Modellcharakter hinsichtlich Problemstellungen und Lösungsvermutungen; b) weiter für den umfassenden diskursrelevanten Fundus an Überzeugungen, Sprach-, Symbolbeständen etc.; siehe dazu Hoyningen-Huene 1999, 989.
4 Thompson 2007, IX.
5 Unternbäumen 2001. 74, Fn. 48. Zu den Termini ›Leib‹ und ›Körper‹ siehe Platz 2006, 10: »Im Deutschen ist es möglich, zwischen Körper und Leib zu unterscheiden. Der Begriff ›Körper‹ hat seine Wurzeln im lateinischen Wort corpus und wurde ursprünglich vor allem für den Leichnam benutzt [...]. Er bezeichnet den objektivierten Körper, der auch für Tiere und Lebloses verwendet wird. Mit dem menschlichen Körper ist meist ausschließlich der materielle, biologische Körper gemeint. Im modernen westlichen Sprachgebrauch hat der Mensch einen Körper [...]. ›Leib‹ dagegen hat dieselbe Sprachwurzel wie ›Leben‹ und meinte ursprünglich Person oder Selbst [...]. Der Leib definiert sich dadurch, dass er die Welt erlebt (›erleibt‹). Er wird als Wahrnehmungs- und Handlungspotential erfahren. Der Mensch ist ein Leib. Im Leib sind Körper und Geist untrennbar.«
6 Thompson 2007, IX. Zur Spannbreite dieser Forschungsprogrammatik siehe z.B. Barsalou 2008, Gallagher 2012, Ziemke et al. (Hg.) 2007.
7 Rickheit/Strohner 1993, 16.
8 Carr 2010, 298f.
9 Wiehl 1996, 122; danach ist Whiteheads Philosophie eines »der am konsequentesten durchgearbeiteten Systeme des Naturalismus in der Philosophie der Moderne überhaupt«. – Die Whitehead-Arbeiten liegen sämtlich in deutscher Übersetzung vor und als solche den Zitaten in dieser Studie zugrunde: The concept of nature, 1919 –  dt.: Der Begriff der Natur (BN); Science and the modern world, 1925 – dt.: Wissenschaft und moderne Welt (WW); Symbolism, its meaning and effect, 1927 – dt.: Kulturelle Symbolisierung (Sy); Process and reality, 1929 – dt.: Prozeß und Realität (PR); The function of reason, 1929 – dt.: Die Funktion der Vernunft (FV); Adventures of ideas, 1933 – dt.: Abenteuer der Ideen (AI); Modes of thought, 1938 – dt.: Denkweisen (DW). – Zu historischen Abgrenzungen wie ›Spätwerk‹ bzw. Kontinuitäten und Entwicklungen im philosophischen Denken Whiteheads siehe Hampe 1990, 173, Fn. 7; 1991a, 11. – Vorüberlegungen zu dieser Studie fasst zusammen Gerdes 2007.
10 Siehe etwa Zimmer 2009, 216f., in Bezug auf Whiteheads »Prozeß und Realität«: »[...] unumstritttenes Pionierwerk von imposantem Umfang und schwer überschaubarer Komplexität, das völlig neue Wege eröffnet, aber gleichzeitig dem Leser große Anstrengung abverlangt [...]. Prozess und Realität gehört nicht zu den meist gelesenen philosophischen Werken des 20. Jahrhunderts, und der ungeheure theoretische Reichtum des Buches ist bis heute erst in Ansätzen erfasst worden.«
11 Ein Anliegen der Studie ist insofern, was die philosophische Tradition auch das hermeneutische Anliegen des Verstehens und der Verständigung nennt, des »Dolmetschens, Erklärens« (Gadamer 1974, 1061); zu diesen hermeneutischen Anliegen siehe auch Wiehl 1996, 145.
12 Siehe Hampe 1991a, 11, dort mit Verweis auf Reiner Wiehl (1959, 106): »Nun gilt aber, daß Prozeß und Realität, wie Wiehl schrieb, beinahe im Moment seines Erscheinens als großes philosophisches Werk anerkannt, aber [...] ›mumifiziert‹ und damit für jede Gegenwart ›unschädlich‹ gemacht wurde.«
13 Exemplarisch siehe dazu: Hampe 1997 und 1991a, Holl 1992, Lachmann 2000a, Lotter 1996, 20f.
14 Ein Wandel, der einmal, in anderem Kontext und unter anderem Blickwinkel, für die postmoderne Philosophie formuliert worden ist als das »Abrücken vom Primat der Logik, das Abrücken von der Monokultur des Sinns und das Abrücken von der Prävalenz des Sehens, diese vierfache Kritik an Anthropozentrismus, Logozentrismus, Monosemie und Visualprimat [...]« (Welsch 1998, 82). – Zu anders gelagerten, etwa kultur oder sozialwissenschaftlichen Ausformungen und Aspekten dieses Wandels wie z.B. dem sogenannten ›spatial turn‹ siehe etwa Bachmann-Medick 2006, auch Latka 2003.
15 Helson 1951, 369.
16 Mittelstraß 1995, 550; zur allgemeinen Lesart des Rekonstruktionsbegriffs als ›gedankliches Nachbilden unter systematischem Gesichtspunkt‹ siehe Bausch 1999, 504; zum Rekonstruktionsbegriff siehe auch Carrier 1986.
17 Wissenschaftshistorische Vorarbeiten in diese Richtung: Gerdes 2008.
18 Hampe 1998, 122; zu den Schwierigkeiten, Whiteheads philosophisches Denken zu rekonstruieren, siehe z.B. Hampe 1990, 11ff.
19 Carrier/Mittelstraß 1989, 3.
20 Wildgen 2000, 83.
21 Cassirer 1927, 295.



Einleitung, in:

Adele Gerdes: Die Selbstorganisation dynamischer Systeme. Whiteheads Beitrag zur Philosophie des Geistes. Berlin 2013.

Auch angelegt als: Einführung zu A.N. Whitehead.

Volltext, PDF, open access: download

Inhalt
 
Literatur 

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